WAS SICH BEWEGT
Granhøj Dans in Potsdam
Die dänische Kompanie kommt in der Welt herum. Kürzlich von Gastspielen in Kolumbien zurückgekehrt gastiert das in Århus ansässige Ensemble im Januar 2012 mit einer Hommage an den tiefgründig-melancholischen Songwriter Leonard Cohen im Nikolaisaal Potsdam.
Eigensinning: BalletLab
Die jüngste Arbeit von Phillip Adams, Aviary, befragt die Natur des Schauspiels selbst. Sie führt in die Welt der Paradies-
vögel, der gefiederten und der bekleideten, und zeigt das Drama zwischen sozialem Wettbewerb und der Kunst, sich Freunde zu machen.
Neues Stück von Thomas Noone
Auf der Bühne des britischen Choreografen geht es zu wie derzeit im Unterhaus: Zoff und Zwietracht unter denen, die im Grunde Bindungen eingehen wollen. Seltsam vertraute Desaster stürzt seine Liebespaare lust- und humorvoll ins Beziehungschaos.
IN EIGENER SACHE
GUTE ORTE. EINE GASTKOLUMNE
Das Hotel Rothaus ist ein guter Ort. Mitten im Zürcher Rotlichtviertel (nomen est omen) empfangen den Gast unangestrengt freundliche Servicekräfte, und das Frühstück – in zwei Mengen-Varianten – bietet Croissants, die in Paris nicht besser schmecken könnten. Mehr noch: Unmittelbar neben dem Seiteneingang – fernab von störenden Blicken – erlaubt der Etagenlift, etwaige „Besucher“ vollkommen diskret mit aufs Zimmer zu nehmen, wozu insbesondere die praktischen King-Size-Betten unverstellt einladen.
Nur fünf Gehminuten vom Rothaus entfernt, in der Nietengasse, liegt der Lade – ein weiterer guter Ort: Restaurant, Bar & Vinothek in einem, halb traditio-
nelles Gasthaus mit rot-weiß gewürfelten Tischdecken, halb Lounge mit apfelgrünen Kissenlandschaften. Als ich zuletzt in Zürich weilte, um mit einem befreun-
deten Komponisten ein Opernlibretto zu erörtern, habe ich dort wiederholt den Mittagstisch genossen: wahlweise eine Tagessuppe oder ein frischer grüner Salat, gefolgt von einer Pasta-Variation, die in einer Müslischale gereicht wurde.
Trotz des schwyzerdeutschen Singsangs um mich herum, fühlte ich mich alsbald an meine Hamburger Wahlheimat erinnert. Das Publikum hätte auch den Herren Simpel in der Schanze entspringen können: entspannt, individuell, ohne dümmlichen Dünkel, lebhaft und gemeinschaftsfähig. Spontan dachte ich: Das Wasser macht's. Ob Alster oder See, die Schönheit der vom ruhenden Blau geprägten Stadtlandschaft stiftet ausgeglichene Menschen.
Mein Heimatgefühl steigerte sich noch, als vom CD-Player im Lade ein Song ertönte, den ich wegen der dezenten Lautstärke zunächst gar nicht zu erkennen vermochte. Und doch war er mir ungemein vertraut. Ein noch nicht begründbares Glücksgefühl stieg in mir auf, und ich begab mich an den Tresen, um zu erfragen, was das für ein Titel sei. Der Kellner schrieb ihn mir bereit-
willig auf: Lonesome Road von Madeleine Peyroux …
Es war ein Blues, den Gregor Zöllig, der Schweizer Chefchoreograf des Bielefelder Tanztheaters, in seinem Tanzstück Am Ende eines Tages verwendet hatte – ein poetischer Abend, der dem Erinnern, den Glücksmo-
menten und Entbehrungen in einem Tänzerleben nachspürte und dessen Schlussbild mir unvergesslich geblieben war: Während die Bühne gleichsam vom „Schaum der Tage“ überflutet wurde, versanken die TänzerInnen in diesem Meer der Zeit (oder im Meer ihrer eigenen Erinnerungen), tanzend bis zuletzt.
Am Abend besuchte ich noch eine Kinovorstellung im Riff-Raff, einem Programmkino, das, wie ich später
erfuhr, auch dem Besitzer des Lade gehört.
Bevor der Hauptfilm begann – L‘Illusionniste, ein Animationsfilm nach einem Drehbuch von Jacques Tati –, wurde ein politischer Werbe-Spot gezeigt, der gegen die aktuelle „Ausschaffungs“-Initiative der SVP (Schweizerische Volkspartei) Stellung bezog. Ein Lehrer erwischte im Unterricht ein Schweizer Mädchen beim Spielen mit dem Handy, danach ein farbiges beim Tuscheln mit der Banknachbarin. Während die kleine Schweizerin mit einer Ermahnung davonkam, wurde das farbige Mädchen des Raumes verwiesen. Sie brauche auch gar nicht mehr wiederzukommen, bellte der Pädagoge ihr nach. Die Ungleichbehandlung wurde auf Nachfrage einer vorsichtig solidarischen Mitschülerin freimütig begründet: Nur der Schweizer Staatsbürger verdient eine zweite Chance …
Der Spot hat nichts bewirkt. Am Sonntag darauf stimmten 52,9% der Schweizer Bevölkerung für die „Ausschaffungs“-Initiative der SVP, die jedem Ausländer, der straffällig wird, mit der sofortigen Abschiebung droht – im Widerspruch zu den Menschenrechtskonventionen des Europarats. Ist die Schweiz noch ein guter Ort?
Im Tanztheater der Bielefelder Kompanie (mit ihrem Schweizer Leiter) tanzen zehn TänzerInnen aus acht Ländern: aus Italien, Schweden und Holland, aus Deutschland, Portugal und Kolumbien, aus Österreich und Costa Rica. Betrachtete man sie (und die vielen anderen Tanz- und Ballettkompanien in der viel-
fältigen deutschsprachigen Tanzlandschaft) einmal nicht als am Theater Beschäftigte, sondern als Staatsbürger eines imaginären Tanzreiches, wäre dort eine Rechtsprechung wie die in der Schweiz jüngst beschlossene, obsolet. Im Ballettsaal wird der Begriff des Nationalstaates ad absurdum geführt. Heimat ist keine Frage der Geburtsurkunde mehr, sondern entsteht supranational in der künstlerischen Arbeit für die Produktion und für das Ensemble.
Als ich im Lade den Kellner nach dem mich so seltsam berührenden Musikstück fragte, merkte er intuitiv, dass mir die Antwort wichtig war. Madeleine Peyroux‘ Lonesome Road huldigt keinem Vaterland und trieb mir dennoch Tränen in die Augen, ist keine Hymne, sondern „nur“ ein Blues, der mich aber in diesem Moment, im Lade zu Zürich, heimisch werden ließ – jenseits aller nationalen Beschränktheiten.
Ist die Schweiz (noch) ein guter Ort? Zürich ist einer, glaube ich. Und das Rothaus, der Lade und das Riff-Raff. Und der Ballettsaal. In Bielefeld und anderswo. chronos













